Donnerstag, 09. September 2010
   

Schulgeschichte

Kleine Chronik des kaufmännischen Berufsschulwesens

1901
In einer Sitzung am 1. September 1901 verhandelt der Magistrat der Stadt Herne die Bitte des Vereins zur Wahrung geschäftlicher Interessen – einer Interessenvertretung der Herner Kaufmannschaft – um logistische und finanzielle Unterstützung bei der Gründung einer Kaufmännischen Fortbildungsschule. Der Bitte wird stattgegeben, und ab 1902 werden zunächst 66 Schüler an vier Abenden pro Woche von sechs Lehrern des Deutschen, des kaufmännischen Rechnens, der einfachen und doppelten Buchführung und der Stenographie unterwiesen. Zwar hatte es zuvor schon Versuche zur Initiierung kaufmännischer Schulbildung gegeben, allerdings wird erst mit diesem Schritt eine bis heute dauernde kontinuierliche Entwicklung begründet.

1908
In Wanne wird eine kaufmännische Fortbildungsschule für Jungen eingerichtet. Sie besteht zunächst aus zwei Klassen. 

1911
Die Stadt Herne übernimmt die bis dahin privat organisierte Kaufmännische Fortbildungsschule und macht deren Besuch für alle männlichen kaufmännischen Lehrlinge aus Kontor und Verkauf zur Pflicht. 

1914-1918
Der Erste Weltkrieg stört Schulalltag und –entwicklung erheblich: Werden vor Beginn des Krieges 137 Schüler in fünf Klassen unterrichtet, so kann der Betrieb während des Krieges nur mit drei Klassen aufrecht erhalten werden. Im Jahre 1921 ist die alte Größe mit 158 Schülern in sechs Klassen bereits wieder übertroffen.

1920
Die Gemeindevertretung von Wanne beschließt die Vereinigung von gewerblicher und kaufmännischer Fortbildungsschule.

1921
Aufgrund eines Ministerialerlasses wird die Fortbildungsschule in Herne in „Kaufmännische Berufsschule“ umbenannt, weil „sie die Schüler in einen neuen, um den Mittelpunkt des Berufes gelagerten Bildungskreis einführt“. Zugleich setzt sich in der Öffentlichkeit ein Eindruck „von der Bedeutung der beruflichen Bildungsidee und vom Werte einer geordneten Berufserziehung“ durch. Nicht zuletzt durch den Einsatz der ersten entsprechend ausgebildeten Berufsschullehrer wird aus der Fortbildungsschule eine „beruflich differenzierte Wirtschaftsschule“.

1922
Mit dem Ausscheiden des bis dahin amtierenden Rektors Kastner übernimmt der Direktor der Gewerblichen Berufsschule, Simme, die Schulleitung. Damit ist eine gewisse Parallelität in der Schulentwicklung begründet, die bis in die 1960er Jahre anhalten soll.

1925
Zu Ostern wird der erste hauptamtlich wirkende Diplom-Handelslehrer angestellt.

1926
Am 1. April werden erstmals weibliche Verkaufslehrlinge aus Einzelhandelsbetrieben eingeschult. Grund für diese Maßnahme ist die vier Jahre zuvor gewonnene Erkenntnis, dass man „auch diesen jungen Menschen die Möglichkeit geben müsse, ihre berufliche Bildung in Ergänzung der praktischen Lehre zu vertiefen“. Gemeinsam mit den Lehrlingen aus gewerblichen Betrieben werden 234 weibliche Verkaufslehrlinge in die zunächst als „Mädchenberufsschule“ bezeichnete neue Institution eingeschult.

1927
Parallel zur Kaufmännischen Berufsschule nimmt am 1. April die zweijährige Handelsschule mit 82 Schülerinnen und Schülern in zwei Klassen ihren Betrieb auf, nachdem Bemühungen zur Gründung einer solchen Einrichtung bis in das Jahr 1918 zurück reichen. Die staatliche Anerkennung der Schule durch den Minister für Handel und Gewerbe erfolgt 1929, geknüpft an die Bedingung, „daß der hauswirtschaftliche Unterricht den Bedingungen entsprechend erteilt wird“. Diese Bedingung wird indes nur unzureichend erfüllt, weil es an notwendigen Räumlichkeiten und Einrichtungen fehlt. Solche Not macht gleichwohl erfinderisch: Im Jahre 1930 wird der hauswirtschaftliche Unterricht kurzerhand in die Rathausküche verlegt. Die Handelsschule entwickelt sich – unterbrochen nur von der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg zum Erfolgsmodell.

1928
Die Kaufmännische Berufsschule erfreut sich großer Nachfrage: In sieben Jungenklassen werden 197 Schüler, in 18 Mädchenklassen 399 Schülerinnen unterrichtet. Dabei erfolgt der Unterricht zunehmend nach Geschäftszweigen differenziert. Hinderlich ist immer wieder die bestehende und sich verschärfende Raumproblematik, die auch durch zahlreiche Provisorien in existierenden Schulgebäuden nicht gelöst werden kann.

1929-1933
Die Weltwirtschaftskrise führt in Herne und Wanne zu rückläufigen Schülerzahlen, weil zahlreiche Betriebe stillgelegt werden bzw. ihre Aktivitäten einschränken.

1934
Nach Überwindung der Wirtschaftskrise erholen sich die Schülerzahlen allmählich. Zugleich heißt die Devise nun: „Leistungssteigerung durch planvolle Berufserziehung“. Dieses Ziel soll vor allem durch die Bildung weiterer Fachklassen erreicht werden. Das wiederum ist nur organisierbar durch die Einführung der Koedukation, der gemeinsamen Beschulung von Mädchen und Jungen.

1939-1945
In Herne erreichen die Schülerzahlen trotz Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zunächst Rekordwerte, wobei es mehr Mädchen als Jungen gibt (daran hat sich bis heute nichts geändert). Von 1943 an sinken sie wieder. Der Schulbetrieb leidet an kriegsbedingten Unterbrechungen, ehe er 1945 ganz eingestellt werden muss. In Wanne-Eickel können die nach der Stadtgründung vereinigten Berufsschulen bis zum September 1944 arbeiten; die Berufsfachschulen werden bereits ein Jahr zuvor nach Stolp in Pommern (heute Polen) evakuiert.

1946
Im Januar wird in Herne der Unterricht wieder aufgenommen mit 191 Jungen und 441 Mädchen in 19 Klassen. Raum- und Personalmangel zwingen zu Kompromissen: Immerhin vermag der seit 1946 amtierende Berufsschuldirektor Adolf Henn, der Stadt das Volksschulgebäude an der Gräffstraße zu entringen. Allerdings erhöht sich – wirtschaftwunderbedingt – die Zahl der Schülerinnen und Schüler bis 1954 auf 1211, so dass eine Fortdauer solcher Provisorien nicht länger durchsetzbar ist. In Wanne-Eickel verläuft die Entwicklung ähnlich: Im August 1945 beginnen die Vorarbeiten zur Wiedereröffnung der Berufs- und Berufsfachschulen, im Frühjahr 1946 kann der Schulbetrieb – nach entsprechender Verfügung des Allied Military Government Wanne-Eickel – eingeschränkt wieder aufgenommen werden. Verfügbar sind zunächst – und das lediglich in den späten Nachmittagsstunden – die Josef-, die Melanchthon- und die Kirchschule, im Verlauf des Jahres kommt die Hildegardisschule hinzu, die dann ab Januar 1947 ganztägig genutzt werden kann. Indes steigen auch hier die Schülerzahlen in den 1950er Jahren auf über 2100 an: eine unhaltbare Situation.

1954
Am Westring in Herne entstehen nacheinander vier Schulneubauten. Der vierte Gebäudetrakt beheimatet die kaufmännischen Berufsschulen. Ungelöst bleibt der Personalnotstand.

1958
In Wanne-Eickel ziehen die Berufsschulen um in den eigens errichteten Gebäudekomplex in der Steinstraße, der mit seinen Unterrichts- und Übungsräumen, seinen Küchen, Labors und Demonstrationswerkstätten zu jener Zeit zu den modernsten im Ruhrgebiet zählt. Mit dem Zusammengehen von Herne und Wanne-Eickel zieht später der gesamte kaufmännische Bereich an den Westring, so dass die Gebäude an der Steinstraße heute ausschließlich zum Emschertal-Berufskolleg der Stadt Herne gehören.

1966
Die Personalsituation ist so angespannt, der damit verbundene Unterrichtsausfall so dramatisch, dass die Ruhr-Nachrichten am 1. Februar einen Artikel überschreiben: „Nur alle zwei Wochen 45 Minuten Rechnen: Die Berufsschule treibt in eine Katastrophe“. In dieser Situation wird die bis dahin bestehende Bündelschule aufgespalten in eine kaufmännische und eine gewerblich-technische und hauswirtschaftliche Schule: Es entstehen die Kaufmännischen Schulen der Stadt Herne. Diese werden sogleich Ausbildungsschule des Studienseminars Dortmund, was die Personalsituation zu entspannen hilft.

1969
Nachdem seit 1966 die Handelsschule kontinuierlich aufgestockt wird, kommt es jetzt zur Gründung der Höheren Handelsschule und der Fachoberschule für Wirtschaft. Außerdem werden eine Fachklasse für Einzelhandelskaufleute und Bezirksfachklassen (IHK-Bezirk Bochum) für ZahnarzthelferInnen, ApothekenhelferInnen und GehilfInnen in wirtschafts- und steuerberatenden Berufen eingerichtet. Ein Jahr später kommen Bankkaufleute und Bürokaufleute hinzu.

1972
Der notwendig gewordene Erweiterungsbau (heute E-Trakt) wird fertiggestellt und hilft, die Raumsituation zu entspannen.

1975
Die Höhere Handelsschule wird vierzügig geführt, ein Jahr später sogar schon sechszügig. Außerdem erfolgt die Einrichtung einer Bezirksfachklasse Industriekaufleute/Bergbau für das mittlere und östliche Ruhrgebiet. Für HauptschülerInnen ohne Qualifikation eröffnet sich zugleich die Perspektive eines Berufsvorbereitungsjahres kaufmännisch-verwaltender Ausrichtung.

1977
Die Leitidee, möglichst breit gefächert und auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten Zukunftsfähigkeit zu vermitteln führt zur Einrichtung einer Fachoberschule für Wirtschaft in Teilzeitform und der Höheren Handelsschule für Abiturientinnen und Abiturienten.

1982
Mit der Einrichtung eines gymnasialen Zweigs der Höheren Handelsschule wird erstmals die Möglichkeit geschaffen, an den Kaufmännischen Schulen das Vollabitur zu erhalten. Der erste Durchgang wird von immerhin 19 Schülerinnen und Schülern erfolgreich abgeschlossen.

1985
Die informationstechnologische Wende hat die berufsbildenden Schulen erreicht. Die Kaufmännischen Schulen gehören zu den drei berufsbildenden Schulen im Regierungsbezirk Arnsberg, die im Zuge von Lehrerfortbildungsmaßnahmen dazu beitragen, nach Erwerb grundlegender Kenntnisse in den Bereichen Datenverarbeitung und Informatik den Unterricht noch praxisnäher zu gestalten.

1989
Für Schülerinnen und Schüler des gymnasialen Zweigs der Höheren Handelsschule wird ein Berufspraktikum eingeführt. Außerdem tritt der langjährige Schulleiter der Kaufmännischen Schulen der Stadt Herne, Manfred Albrecht, in den Ruhestand. Heinz-Werner Fuchs kümmert sich kommissarisch um den Ablauf des Schulbetriebs.

1990
Heribert Gathmann wird Schulleiter der Kaufmännischen Schulen. Zeitgleich wird als Folge der Kommunalreform die kaufmännische Abteilung der Bündelschule in Wanne-Eickel in die Kaufmännischen Schulen der Stadt Herne integriert. Außerdem werden mit Beginn des Schuljahres 1990/91 Buchhändler in Bezirksfachklassen für den IHK-Bezirk Bochum unterrichtet.

1992
Gemeinsam mit der Gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft der Stadt Herne wird beim Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen die Errichtung eines Kooperativen Aus- und Weiterbildungszentrums in räumlicher Anbindung an die Kaufmännischen Schulen beantragt. Die Grundsteinlegung kann 1998 erfolgen, ein Jahr später wird bereits Richtfest gefeiert, und im Dezember 2000 wird das Kooperative Weiterbildungszentrum am Westring offiziell eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben.

1998
Die Neufassung der der Arbeit an berufsbildenden Schulen zugrunde liegenden gesetzlichen Regelungen hat zur Folge, dass aus den Kaufmännischen Schulen der Stadt Herne das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der Stadt Herne mit gymnasialer Oberstufe wird. Der Bildungsgang Kaufmännische Assistenten/Fremdsprachen wird eingerichtet. Im Schuljahr 2000/2001 kommen die Kaufmännischen Assistenten/Allgemeine Hochschulreife hinzu. In beiden Fällen ist es erstmals möglich, einen Schulabschluss in Verbindung mit einem Berufsabschluss nach Landesrecht zu erreichen. Andere Bildungsgänge kommen hinzu: so z.B. im Jahre 2002 ein einjähriger Bildungsgang für Informationstechnik, aber auch das Berufsgrundschuljahr oder eine Vorklasse zum Berufsgrundschuljahr. Darüber hinaus werden verschiedene Konsensmodelle mit anderen kommunalen Trägern im Rahmen der Ausbildungsinitiative des Landes Nordrhein-Westfalen angestoßen.

2000
Das BeKoSch-Projekt wird begründet: Die „Entwicklung beruflicher Kompetenzen für Schausteller“ ist das Ziel einer Mischung aus Blockunterricht und computerunterstütztem Fernlernen. Das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung ist gemeinsam mit dem Emschertal-Berufskolleg federführend an Konzeption und Durchführung beteiligt. Im gleichen Jahr findet – als ein Beispiel für zahlreiche Europa-Aktivitäten und Austauschprogramme – am Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung ein Europagipfel als Abschluss eines mehrjährigen Comenius-Projektes der Europäischen Union statt. Im Dezember legt das Berufskolleg erstmals ein Schulprogramm vor, das Konzepte und Zielvorstellungen der weiteren Schulentwicklung in curricularer, pädagogischer, organisatorischer und personeller Hinsicht als Ergebnis einer längeren Diskussion unter Einbezug des gesamten Kollegiums präsentiert (und das ebenfalls im Internet abgerufen werden kann).

2001
Mit einem „Tag der Mehrsprachigkeit“ beteiligt sich das Berufskolleg an den Aktivitäten zum Europäischen Sprachenjahr.

2002
Im Sommersemester sind Lehrerinnen und Lehrer des Berufskollegs in Seminarveranstaltungen des Lehrstuhls für Berufs- und Wirtschaftspädagogik (Prof. Dr. Harney) an der Ruhr-Universität Bochum eingebunden. Andere Kooperationsprojekte kommen hinzu: So wird die Zusammenarbeit mit dem Studienseminar in Dortmund fortgesetzt und ausgebaut. Auch ist das Berufskolleg – gemeinsam mit dem Kuniberg-Berufskolleg in Recklinghausen, den Stadtsparkassen Recklinghausen/Castrop-Rauxel und den Volksbanken Marl/Recklinghausen – um eine dauerhafte Etablierung der Kooperation zwischen Berufskolleg und Betrieb bemüht. Im Oktober feiern das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung und das Emschertal-Berufskolleg gemeinsam im Rahmen eines Festaktes „100 Jahre berufliches Schulwesen in Herne“. Aus diesem Anlass erscheint zudem als Gemeinschaftsprodukt eine umfängliche Festschrift.

 

Christopher Wulff
[Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der Stadt Herne]

Die ausführliche Geschichte des beruflichen Schulwesens in Herne, unterlegt mit interessanten Photos, kann in der gemeinsamen Festschrift des Berufskollegs für Wirtschaft und Verwaltung und dem Emschertal-Berufskolleg, die zum 100-jährigen Jubiläum verfasst wurde, nachgelesen werden. Ein Exemplar dieser Festschrift kann in den Sekretariaten der beiden Schulen erworben werden.

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